Zentrum für Glücksspielforschung bei der Universität Wien
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Der größte, kleinste Pokerspieler
4. Oktober 2005 - 13:31

Der jungenhafte Stuart Ungar spielte alle Gin- und Pokerspieler in Las Vegas an die Wand, zuletzt leider auch sich selbst (*8.9.1953 + 22.11.1998), wie eine neue Biografie zeigt.

 

Vor sieben Jahren starb der kleingewachsene, aber als Pokerspieler eine nie da gewesene Größe darstellende Amerikaner Stuart Ungar. Wer eine ungewöhnliche und zugleich in mancher Hinsicht typische Spieler-Karriere im Detail studieren will, wird an einem neuen Buch über diesen ungewöhnlichen Menschen nicht vorbei kommen: Nolan Dallas und Peter Alsons Biografie von Stuey 'the kid' Ungar, dem berühmtesten und möglicherweise auch besten Poker-Spieler, erschien vor kurzem in den USA und in Großbritannien (siehe dazu am Ende dieses Artikels genaue bibliografische Angaben samt ISBN-Nummer, das Buch ist über jede Buchhandlung in Österreich oder via Internet bestellbar).

 

Die Ungars waren eine Einwandererfamilie mit magyarisch-jüdischen Wurzeln. Stuarts Vater betrieb einen (illegalen) Buchmacher-Betrieb in einer Bar, in der die halbe Unterwelt New Yorks auftrat. Isidore 'Ido' Ungar starb in den Armen einer seiner vielen Geliebten an einem Schlaganfall und wurde in einem Auto drapiert, um die peinlichen Umstände seines Hinscheidens zu verhehlen. In diesem Klima der Illegalität, der organisierten Kriminalität und der oberflächlichen Beziehungen wuchs Stuart (genannt Stuey 'the kid' wegen seines lebenslang-jungenhaften Äußeren) mit seiner Schwester im wesentlichen in Vaters Bar oder am Spieltisch mit seiner Mutter im Ferienort auf. Wie viele Gentleman-Gauner und halbseidene Unternehmer hielt auch sein Vater einen strikten Ehrenkodex ein, er verbot Frau und Kindern das Spielen um Geld und ermöglichte ihnen eine einwandfreie Schulbildung samt Urlauben, meist in den Catskill Mountains im Bundesstaat New York.

 

Trotz anfänglich guter Schulerfolge war dieses Bemühen aber, wohl milieubedingt, erfolglos. Statt sich wirklich um die Erziehung der Kinder zu kümmern, frönten die Eltern ihren Lastern, der Vater den jungen Frauen und die Mutter dem Poker. Das miserable Pokerspiel seiner Mutter in Catskill, deren evidente Fehler ihn zur Raserei brachten, inspirierte den bereits mit allen Wassern gewaschenen Teenager, einmal selbst Karten und Würfelspiele um Geld zu spielen; am Anfang gab es dafür vom Vater Ohrfeigen, nach dessen Tod stieg Stuey aber konsequent ins professionelle Kartenspiel ein und gab die Schule endgültig auf. Finanzielle Unterstützer zweifelhafter Herkunft stellten sich rasch ein. Der Geld-Kreislauf kam in den bekannten seltsamen Zirkel und zwar in enormer Umsatzgröße. Viel Geld verlor Stuart bei den uferlosen Sportwetten, die er mit seinen Spielgewinnen finanzierte; sein bestes Spiel war Gin Rommé, welches sich aber nur begrenzt zum Abkassieren eignete, nicht zuletzt deshalb weil die Gegner knapp wurden.

 

Einmal erzielte er einen seiner höchsten Gewinne und zwar weder bei Gin noch bei Poker sondern im Lotto: 'Oddly, one of Stuey's biggest wins as a teenager came not from gin or poker but from the in neighborhood numbers racket - a mob-run lottery, very much like the daily numbers that the state runs today .. ' (S. 50). Bei diesem Spiel gab es keine Ziehung, sondern es gewannen jeweils die vier (oder drei) letzten Ziffern der in den Daily News oder in der Post veröffentlichten Wett-Umsätze der 'daily handles' von Aqueduct, Belmont (man beachte die Latein-Verballhornung!). In Österreich wäre dies nach dem Glücksspielgesetz keine zulässige Ausspielung, es war wohl auch in den USA illegal, worauf Stuey natürlich pfiff. Er spielte ohne Rücksicht auf Verluste, im wahrsten Sinn des Wortes: Selbst fünfstellige Gewinne oder Verluste nahm er gelassen hin. Mit Hilfe seiner Mafia-Kontakte konnte sich der Spieler immer wieder einen hohen Fonds sichern und auch existenzvernichtende Tiefschläge mit geborgtem Geld wegstecken. Das wurde zwar zunehmend gefährlich, brachte aber andererseits auch den Schutz der "ehrenwerten Gesellschaft" ein, die sich einen solchen Schuldner nicht durch die Konkurrenz abwerben oder durch gewaltsamen Tod abhanden kommen lassen wollte.

 

Die Investition lohnte sich für die "Freunde" jedenfalls, Stuart gewann die großen Poker-Wettbewerbe mehrfach und kassierte zumeist in Las Vegas dafür jeweils mehrere hunderttausend Dollar pro Bewerb, der oft mehrere Tage dauerte (zB bei Binion's horse shoe; Amarillo's slim superbowl, der world series of poker usw). Er gewann alle großen Bewerbe, und das mehrfach, solange man ihn dort zuließ. Sein größter und gefährlichster Feind war er aber selbst in seiner absoluten Zügellosigkeit. Schließlich verfiel Stuey mehr und mehr dem Kokain und starb bereits als Mitt-Vierziger im naßkalten November 1998. In seinen letzten Lebensjahren, in denen er einem verwahrlosten, wandelnden Leichnam mit zerstörtem linkem Nasenflügel glich, vertraute er sich den Biografen Nolan und Dalla an. Er hinterließ eine Tochter (Stefanie) und seine Frau (Madeline), beide außergewöhnlich attraktive Frauen; sein Stiefsohn Richie, um den er sich sehr gekümmert hatte (seine Frau brachte ihn in die Ehe mit) beging knapp nach der Matura Selbstmord. Die Story der Ungars ist voller Tragik; man ist geneigt, die alte Weisheit, dass Geld allein nicht glücklich macht, als Gemeinplatz zu wiederholen. Aber der erhobene Zeigefinger passt nicht ganz auf die Phasen seines schier unglaublichen Poker-Triumphes gegenüber den mächtigen Texanern. Die Spiel-Sache hat eben, wie so oft, zwei Seiten, in diesem Fall aber ganz extrem ausgeprägte...

 

Diese neue Biografie ist hervorragend geschrieben, locker wie alle amerikanischen Bücher und packend zugleich; das Schicksal des liebevollen Vaters, der besser als mit Erwachsenen mit Kindern umgehen konnte, des von Frauen ausgenützt wirkenden Ehemanns und Poker-Spielers mit gigantischer Gedächtniskapazität lässt niemanden kalt. Widersprüchlich erschien schon sein stets jugendliches, schlecht gekleidetes, ja fast primitiv wirkendes Auftreten im Verhältnis zu seinem professionellen Spielverhalten, seiner Ironie und seiner unglaublichen Ausdauer, verbunden mit einem gnadenlosen Killer-Instinkt. Dass sich unter den Pokerspielern auch echte Freundschaften entwickeln konnten (durch wechselseitiges ' backing' usw) ist kaum zu glauben, aber wahr.

 

Einerseits bedauerlich und andererseits zugleich zur Auffrischung verschütteter Englisch-Kenntnisse sinnvoller Weise ist das Werk (Paperback mit 316 S. inkl. Namens-Register und SW-Fotos) vorerst nur in der amerikanisch-englischen Originalsprache erhältlich: Nolan Dalla and Peter Alson, The Man behind the Shades - The Rise and Fall of Stuey 'the kid' Ungar, Poker's greatest Player, in Europa erhältlich beim britischen Verlag Weidenfeld&Nicolson, London 2005 um 12,99 Pfund, ISBN 0-297-84903-4; www.orionbooks.uk (in den USA bei Ataria unter dem Titel "One of a kind", Simon and Schuster, N.Y.). Die Entdeckung dieses Buchs verdanken wir dem "Standard" und seiner Beilage der 'New York Times' vom Juli 2005, die über die diesjährige world series of poker berichtete.

 

Gerhard 'straight-check' Strejcek